Die Vogeltränke


Etwa 10 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Golfsport, in der Form von Schnuppergolfen, wurde ich abermals mit dem Thema Golf konfrontiert. Es kam ziemlich unverhofft, fast so als sei es Bestimmung. Zwar hatte ich mich des Öfteren mit dem Gedanken getragen endlich zu beginnen, aber nie wurde etwas daraus. Es waren immer andere stichhaltige Gründe gewesen, warum jetzt gerade ein ungünstiger Zeitpunkt war. Mal war es unser Hausbau, zu wenig Freizeit, ein neuer Job, das Wetter, meine Hämorrhoide….

Doch nun war die Zeit reif. Inmitten eines arbeitsreichen, dienstlichen Nachmittags, ich sah mir gerade die neuesten Aktienentwicklungen an, sagte mein Kollege ganz unverhofft: „Gehst du mit Golfspielen?“

Einfach so, ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitung, komplett trocken.

Ich habe ziemlich verdutzt geschaut und fragte: „Warum?“. Eine blöde Frage, warum geht man wohl Golfspielen. Nach kurzer Erklärung, während der ich erfuhr, das es einen PE-Kurs um die Pauschale von € 99.- gibt, bei dem man kein eigene Ausrüstung benötigt und das wäre ideal um mal „rein zu riechen“ sagte ich unvermittelt zu. Nicht etwa das ich ein notorischer Schnorrer wäre, aber das klang schon recht günstig. Wir waren im Nu zu siebent. Sieben Kollegen, die sich Golf mal ansehen wollten.

Der Kurs begann. Jeder bekam ein Leihschlägerset und los ging es. Putten, Chippen und drei Kurseinheiten waren vorbei, wie im Flug. Es machte wirklich Spaß. Der Ball flog nach einem Chip und rollte dann aus. Phantastisch, so einfach ist also Golf. Das kann doch jeder. Die Richtung würde wohl nach einiger Zeit auch stimmen, dachte ich zumindest. Wir kamen uns vor wie Profis, allerdings machten wir dies nur aus Spaß, ohne wettkampfmäßigen Eifer. Keiner wollte besser sein als die Anderen. Keiner wollte die Anderen in den Schatten stellen und keiner wollte sich irgendwie hervortun. Ist doch Ehrensache. Deshalb übte auch jeder von uns heimlich, natürlich nur um die Anderen am Kursfortschritt nicht zu behindern.

Je verbissener ich das verflixte Loch anvisierte, desto weiter lag der Ball daneben, desto öfter musste ich putten. Das kann es aber jetzt nicht sein! Unser Pro zeigte es vor. Lockerer Chip aus zirka fünf bis sieben Meter aus dem Vorgrün, Ball liegt innerhalb eines halben Meter neben dem Loch, einlochen, fertig. Okay, er macht ja auch nichts anderes. Gut das ich mich nie geärgert habe. Warum sollte man sich auch ärgern, Golf ist ein Spiel gegen sich selbst. Wer ärgert sich schon gerne über sich selbst? Aber der Pro macht das wahrscheinlich absichtlich. Jedes Mal, wenn ich gar arg daneben lag war er besonders freundlich und zeigte es nochmals vor. Dieser Heuchler, muss einem immer zeigen was er kann. Na warte.

So kam es, das ich ohne besondere Veranlassung im eigenen Garten übte. Natürlich nur so zum Vergnügen. Ich chippte hin und her. Ziel war es, das die Bälle immer im gleichen Umfeld zu liegen kamen.

Und da passierte es! Meine Frau und meine Tochter saßen auf der Terrasse und sahen mir zu. Es war Sommer und wir hatten gerade zu Mittag gegessen. Meine damals zwölfjährige Tochter fragte ob sie das auch mal probieren dürfte. Selbstverständlich, aber das Gras in unserem Garten kann man in keinster Weise mit einem Golfplatz vergleichen. Die Eisen sind auch viel zu lang und überhaupt hatte sie nicht mal einen Handschuh. Doch wer kann seiner Tochter schon so einen banalen Wunsch abschlagen. Wahrscheinlich würde sie es einmal versuchen und dann entscheiden das Golf ziemlich fad sei. Gut so! Meine Eisen! Nichts für Kinder!

Als verständnisvoller Vater zeigte ich meinem Sprössling wie man steht, wie man das Eisen halten soll und worauf man sonst noch achten sollte. Ausrichtung, Griff, ausholen, Handstellung, Gewichtsverlagerung und Schwung. Alles ist recht kompliziert und erfordert gründliche Vorbereitung. Golf ist schließlich mehr als ein Spiel. Golf ist das Zusammenspiel aus höchster Konzentration und meisterhafter Präzision. Nach eingehender Erklärung überließ ich meine Tochter ihrem Schicksal und setzte mich genüsslich auf die Terrasse um mir eine Tasse Kaffee zu genehmigen. Meiner Frau erklärte ich unaufgefordert worauf es bei Golf ankommt. Das machte ich gerne, denn sie hörte mir zu und konnte einmal nichts darauf sagen, weil sie sich nicht damit beschäftigt hatte. Schön, dieses Gefühl! Golf ist richtig männlich, es beginnt mir allmählich immer mehr Spaß zu machen.

Während wir also dasaßen und uns mehr oder minder unterhielten, ich unterhielt und meine Frau saß da, wurde ich plötzlich von einem hellen Geräusch aus dem Gesprächsfluss gerissen. „Pling“, was war das? „Pling“, schon wieder! „Pling“,….

Es war das Geräusch, das entstand als meine Tochter aus etwa dreieinhalb Meter Entfernung den Ball in eine zirka fünfundzwanzig Zentimeter große Vogeltränke chippte. „Pling“. Das kann es aber jetzt nicht sein! „Pling“ – „Katharina“ rief ich mit einem etwas strengen Unterton, „Katharina, was tust du da?“. Nicht das ich besorgt gewesen wäre um die kitschige Vogeltränke, einen Engel mit Blütenkelch. Nicht das ich besorgt gewesen wäre um die Trinkgelegenheit der kleinen Piepmatze, die unseren Garten bewohnten und ihre Spuren überall hinterließen, sollen sie doch aus dem Teich trinken.

Mein Kind traf nach drei Minuten ein Ziel das sieben Prozent Größe, gemessen an der Wegstrecke, ausmachte. Das heißt ein fünf Meter Chip wäre zirka fünfunddreißig Zentimeter nahe beim Loch, bei zehn Meter Entfernung entspräche dies siebzig Zentimeter. Das kann doch nur Zufall sein!

Katharina hatte an diesem Tag das erste Mal ein Eisen in der Hand. Schnell war ich bei ihr, entriss ihr das Wedge und begann meinerseits zu chippen. Verflixt, so eine Vogeltränke ist relativ gesehen schon ziemlich klein. Verbissen chippte ich einen Ball nach dem anderen ins angrenzende Blumenbeet. Ich ging unbemerkt näher ran. Die Blicke meiner Frau waren irgendwie irritierend, sozusagen Konzentration störend. Möglicherweise war das der Grund weshalb meine Bälle alles Mögliche, nur nicht diese verflixte Vogeltränke trafen. Normalerweise ist meine Gattin sehr heikel auf ihre Pflanzen, aber irgendetwas in meinem konzentrierten Gesichtsausdruck dürfte sie davon abgehalten haben einen Einwand gegen die Bälle inmitten der Blütenpracht vorzubringen.

„Papa, darf ich weitermachen, das ist lustig“. Lustig, sagt sie, lustig! Golf ist nicht lustig. „Nein, das ist kein Kinderspielzeug, geh und mach deine Mathematikhausaufgaben.“ Kurze Zeit später gab ich es auf, wahrscheinlich hat Katharina mit ihrem Spielen das Eisen irgendwie verbogen, verhext oder so etwas ähnliches. Es musste einen Grund geben weshalb meine Bälle das Ziel nicht fanden. Mit kindlicher Beharrlichkeit stand meine Tochter die ganze Zeit neben mir und beobachtete mich wortlos, ich denke um sich den richtigen Bewegungsablauf abzuschauen. Nach einer Weile, ich hatte keine Bälle mehr, drückte ich ihr wortlos das Eisen in die Hand und wandte mich Richtung Terrasse.

„Pling“, das tat weh. „Pling“. Hoffentlich zerbrich die kitschige Vogeltränke bald. „Pling“.

Als ich mich setzte, um meinen zwischenzeitlich erkalten Kaffe zu trinken, lächelte mich meine Frau an. Sie sagte kein einziges Wort, sie lächelte nur. „Pling“.

Meine Tochter! Das Bewegungsgefühl und die rasche Auffassungsgabe hat sie sicher von mir geerbt. – „Pling“.  Ein Gefühl von väterlichem Stolz keimte langsam in mir auf. „Pling“. Eindeutig meine Gene. „Pling“. Anders konnte ich mir das einfach nicht erklären. „Pling - Klirr“. Na endlich!


moziloCMS 1.11.2 | Sitemap | Letzte Änderung: Nimm das Gefühl mit (17.04.2017, 09:45:34)