TE-Prüfung - die Erste


Nach den ersten golferischen Gehversuchen will man unweigerlich mehr. Das Gefühl einen geraden Pitch hinzubekommen ist wundervoll, wenn auch selten. Das Gefühl einen Putt aus zwei Meter zu versenken ist unbeschreiblich, aber noch seltener. Am besten jedoch ist das Gefühl, wenn ein hervorragender Abschlag gelingt und man dann zielstrebig, mitten am fairway danach sucht.

Völlig unabsichtlich verwechselt man in so einem Fall die Bälle: „Ist das meiner?“, „Nein, deiner liegt dort vorne“, wundervoll, fast ist man versucht zu protestieren um die Bestätigung ein zweites Mal zu hören. Leider kommt dies zu Beginn einer golferischen Karriere selten, um nicht zu sagen „fast nie“ vor.

All diese Hochgefühle finden ihre Krönung, wenn sie im Rahmen eines sportlichen Wettkampfes stattfinden. Um regulär an einem solchen teilnehmen zu dürfen erfordert es allerdings der so genannten Turnierreife. Diese wiederum erlangt man ausschließlich durch eine Prüfung. Wäre doch gelacht, wenn das ein Problem sein sollte, schließlich sind wir ja schon Platzreife geprüft. So schlimm kann es schon nicht sein.

In meinem Fall hat sich zwischenzeitig Frau und Kind für Golf zu interessieren begonnen. Was liegt also näher als die Prüfung gemeinsam, im zehn Minuten entfernten Golfclub zu absolvieren. Meine zwei Mädels nahmen ohnedies schon Golfunterricht, also werde ich dazu stoßen. Viel werde ich wohl nicht mehr lernen müssen, einzig die Praxis wird es sein, die mir fehlt. So überzeugt begleitete ich meine Familie auf die Drivingrange.

Dort stand er. Andreas, unser Pro. Zielstrebig nahm ich Kontakt auf. „Servus, ich bin Christian. Monika und Katharina kennst du ja schon. Wir wollen gemeinsam die TE-Prüfung machen“. Andi, wie er sich vorstellte, grinste breit und entgegnete „Wollt ihr Golf spielen lernen oder die Prüfung?“. Das lässt man sich doch nicht zweimal sagen, natürlich wollten wir „Golf spielen lernen“. Nach kurzer Erläuterung meiner golferischen Vorgeschichte forderte mich Andi auf mit meinem Neuner-, Siebener- und Fünfer-Eisen jeweils drei Bälle zu schlagen. Aha, jetzt will er es wissen, na warte, mich stellst du nicht bloß.

Ich teete den ersten Ball auf, „Ohne Tee, bei jedem Loch darfst du das Tee genau einmal, nämlich am Abschlag, verwenden. Als üben wir prinzipiell ohne Tee, außer wir üben Abschlagen.“ Er sprach und grinste. Okay, ohne Tee hatte ich zwar nie geübt, aber das sollte mich nicht daran hindern ihn in Staunen zu versetzen. Lässig ließ ich einen Ball fallen, stellte mich breitbeinig hin, um die fehlende Höhe des Tees auszugleichen, riss das Neuner-Eisen hoch und toppte den Ball zur fünfundzwanzig Meter Markierung. Mist! Nach dem vierten getoppten Ball musste ich mir anhören, „Das habe ich mir gedacht. Willst du es lernen?“. Natürlich bejahte ich, diesmal etwas kleinlaut.

Während Andi mit dem weiblichen Teil meiner Familie ziemlich viel Spaß hatte und auch sonst sehr freundlich mit ihnen umging, bekam ich die abenteuerlichsten Gerätschaften zum Üben. „Das ist ein Übungsschläger, den man nicht falsch halten kann.“ Mit diesen Worten drückte er mir einen Schläger in die Hand, der genau an den Stellen die ich sonst umfasste Erhebungen hatte. Ein recht merkwürdiges Gefühl, aber nur anfangs. Als ich den Griff, so wie Andi es wollte, heraus hatte bekam ich eine eigene Übungsstation. Vor meinem Spielball legte er eine gekrümmte Bahn mit gelben Bällen, etwas über Kniehöhe spannte er ein buntes Band, in gedachter Flugrichtung, allerdings fast auf Höhe des Balles. „Du darfst weder die gelben Bälle noch das Band berühren, los.“ Ich war der einzige auf der Range mit solch einer Übungsstation. Das zog natürlich neugierige Blicke auf mich und jede meiner Bewegung. Während ich verbissen versuchte, nichts außer meinen Ball zu treffen wurde Andi immer lauter „Ja! Ja! Es wird schon! Weiter so! Bald hast du es heraußen!“. Immer mehr Leute wurden auf uns aufmerksam, immer mehr kam ich mir vor wie ein Vollidiot, immer mehr wurde mir mein Pro unsympathisch.

Er hat es sicher gemerkt, denn um mich vollends als Idiot abzustempeln kam er zu Beginn der nächsten Übungsstunde mit einem Gestänge daher. „Wozu brauche ich das wieder?“, „Weil du nicht schwingst und deinen Kopf dauernd auf und ab bewegst!“. Jetzt langt es aber! „Was soll das heißen?“. Um sich auf keine Diskussion einzulassen nahm Andi ein Eisen stellte sich breitbeinig hin, presste die Ellenbogen gegen die Rippen, zog auf und beugte sich, wie vor Schmerz gekrümmt nach vorne um einen gedachten Ball zu schlagen. „Das bist du!“. Kein Wunder, bei den Vorgaben kein Band zu treffen muss man sich so verkrümmen, entgegnete ich trotzig. Also stellte er mich hin, vor mir das Gestell, einen Ausläufer zur Stirn und einen rechts neben mir vorbei, in Hüfthöhe, gleich lang wie der Obere. Beide Ausläufer waren mit knallroten Schaumgummi überzogen, wie Schwimmwürste für kleine Kinder. Wieder einmal war ich der Wurstel auf der Range. Wieder einmal interessierten sich mehr Leute für mich als mir lieb war. Wieder einmal wurde mir Andi etwas unsympathischer.

Während ich mich abmühte blödelte er mit Katharina herum. „Los, sprich den Ball an!“, „Was soll ich sagen?“ Gelächter. Als Monika den geschlagenen Ball zu früh nachschaute, „Schau immer was unter dem Ball ist!“. Sie hob ihn auf, „Wiese!“ Gelächter. Möglicherweise sind die Scherzchen nur dazu da damit ich nicht mitbekomme das ich der Grund des Gelächters war. Mir fiel auch auf das mich Leute, die ich noch nie gesehen hatte, namentlich begrüßten. Wahrscheinlich hatte ich mittlerweilen schon den Spitznamen „Gummiwurstel“.

So vergingen die Wochen. Ich hatte das Gefühl immer schlechter zu werden und meine Mädels wurden immer lockerer und ihr Bälle gerader und weiter. Irgendetwas stimmt hier nicht! Aber sie verrieten mir ihr Geheimnis, „Du darfst nicht so verkrampft sein“, na das habe ich gerade noch gebraucht. Verrat aus den eigenen Reihen.

Eines Tages, es nieselte, wurden wir ins Clubhaus gebeten. „Ihr macht heute die theoretische Prüfung“. Okay, soll sein. Aber was soll das? Wir saßen im Extrazimmer und jeder hatte andere Fragen. Nach fünfundvierzig Minuten sammelte Andi die Fragebögen ab, kontrollierte und verkündete „Gerade noch“. Na also. Theorie bestanden, morgen gehen wir auf den Achtzehner Platz und machen den praktischen Teil.

Morgens darauf wurden wir herzlich begrüßt, „Ihr dürft genau um zwei Schläge mehr als Par brauchen.“ Das war der Anfang vom Ende. Andi ging neben uns, mit einem Gesichtsausdruck wie ein Schiedsrichter nach der roten Karte. Kein Scherzchen, kein Grinsen, nur Regeln, schließlich ist das ja eine Turnierreifeprüfung und bei einem Turnier geht es nun mal so zu. Konzentration. Basta.

Natürlich brauchten wir bei jedem Loch mehr als Zwei über Par. „Aufheben, wir wollen den Spielfluss nicht unnötig behindern.“ Nach drei gespielten Löchern gingen wir zum Clubhaus zurück, „So kann ich euch die TE-Reife nicht geben. Tut leid. Aber wenigstens wisst ihr jetzt wie richtiges Golf sein sollte.“ Als ich diese Aussage hörte war ich richtig wütend, „Das kann doch nicht sein. Wozu das Ganze?“.

Aber Andi ließ sich nicht beirren, wer bei ihm die Prüfung macht, der kann auch sein Handicap spielen, und zwar unter jedem Umstand, ohne Diskussion. Schließlich hat er ja gefragt ob wir spielen können wollen oder die TE-Prüfung haben wollen. Im zweiten Fall hätte er uns einfach weggeschickt. So ist das!

Dieser Umstand brachte mir viel Mitgefühl meiner Kollegen ein, die zwischenzeitlich alle die heiß begehrte TE-Prüfung „geschenkt“ bekommen haben. Ja, geschenkt, denn keiner konnte wesentlich besser spielen als ich. Und keiner verstand wie man durchfallen konnte. Und alle wollten es ganz genau wissen, in allen Einzelheiten. In der Speiseküche tuschelten Leute, mit denen ich sonst nie etwas zu tun hatte, „Der ist es, der ist durchgefallen, ja wirklich“. Ich ärgerte mich grün und blau.

Der einzige Trost war ein Kollege aus einer anderen Abteilung. Er hatte die gleiche Erfahrung mit seinem Pro gemacht. Auch ein Pro der alten Schule!

Monika und Katharina betrachteten hingegen die positive Seite. „Was nutzt eine geschenkte Prüfung, wenn man es dann nicht kann.“, auch ein Argument. Deshalb übten wir brav weiter, nahmen Pro-Stunden und schafften es beim zweiten Anlauf. Ehrlich, ohne Geschenk. Darauf waren wir stolz.

Als ich kurz darauf eine Runde mit Kollegen ging merkte ich einen enormen Unterschied. Ich war wirklich besser.

Wie, bitte kann jemand der so schlecht spielt auf den Platz gelassen werden? Eine Frechheit ist das, wenn die ganzen Anfänger alle anderen am zügigen Spielfluss behindern. Also wirklich, ich verstehe das nicht.

Es ist doch gut, wenn man „Golf lernt“. Oder nicht?



moziloCMS 1.11.2 | Sitemap | Letzte Änderung: Nimm das Gefühl mit (17.04.2017, 09:45:34)