Fiasko in St. Oswald


Schneller als gedacht kam im neuen Jahr die erste Turniereinladung. Einla-dungsturnier in St. Oswald. St. Oswald verwendet sein längstes Par 5 Europas als Marketinggag. Aha, ein Gag also. Hoffentlich wird mein Spiel nicht auch zum Gag.

Ich ließ mich in einen Flight, gemeinsam mit 3 Personen aus meinem Freundes- und Kundenkreis einteilen. Alle drei sind recht nett und sympathisch. Der große Vorteil von Kundenturnieren ist, dass man im Nachhinein immer behaupten kann man hätte schlecht gespielt um seine Kunden nicht zu deprimieren. Das Beste allerdings ist, das ich mich dabei nicht mal verstellen muss.

Gut gelaunt und ausgeschlafen begab ich mich früh morgens nach St. Oswald. Dort angekommen wurde ich instruiert, dass unser Hotel, denn nach einer Siegesfeier ist es ratsam nicht unbedingt mit dem eigenen Auto nach Hause zu fahren, mitten im Ort liegt, gleich über Loch 9. Diese Aussage veranlasste mich zum ersten Mal einen Blick auf die Platzbeschrei-bung zu werfen. Der Platz verläuft rechts und links von der Durchzugsstrasse und erstreckt sich fast über den ganzen Ort. Also nicht nur das längste Par 5 Europas wird zur Herausforderung werden.

Doch das sei alles nicht so schlimm, der Wirt wird mich, nach Bezug des Hotelzimmers mit dem Elektro-Car zum Clubhaus bringen, sagte man mir zumindest im Club. Das nennt man Service. Sonst wären die Spieler schon müde bevor das Turnier überhaupt anfängt.

Also fuhr ich schnurstracks in das Hotel um dort zu erfahren das kein Elektro-Car verfügbar sei und ich mein Auto nach der Siegerehrung besser beim Golfclub stehen lassen soll, wegen der Kurzparkzonen. „Es ist ja nicht weit zum Runtergehen!“. Aber steil!

So kleine Unannehmlichkeiten können mich aber nicht aus der Ruhe brin-gen. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass wir, aufgrund der Platzgröße mit Cars zum Abschlagloch des Kanonenstart geführt hatten werden sollen, bei uns war das Loch acht, ein Par drei. Leider waren zu wenig Cars vorhanden, deshalb kamen wir mit hängender Zunge fünf Minuten verspätet am Abschlag des achten Loches an. Offensichtlich waren wir nicht die Einzigen, denn trotz Verspätung ertönte der Startschuss ebenfalls leicht verspätet. Jetzt aber los!

Nach einem gelungenen Abschlag und keinen gröberen Patzer bei der Annäherung lag ich mit dem zweiten Schlag am Grün. Voll Stolz und Zuversicht ein Par spielen zu können betrat ich mit geschwellter Brust das Grün. Brigitte, Erich und Hans, meine Flightpartner, waren ebenfalls mit dem zweiten Schlag am Grün. Ich lag einen sensationellen Meter neben dem Loch. Doch was erblickte mein Auge, da hat doch wirklich wer seine Markierungsmarke verloren oder vergessen. Bei näherer Betrachtung sah ich, dass diese schon einigermaßen mitgenommen aussah. Wahrscheinlich hat sie wer weggeworfen. So eine Schweinerei, mitten am Grün. Es ist schlimm, aber einige unserer Zeitgenossen haben wirklich keine Ahnung von Etikette. Also hob ich das Ding auf, blickte mich nach einem Mistkübel um und steckte die Marke, in Ermangelung eines Mülleimers, einfach ein. Jetzt hatten wir wieder ein sauberes Grün. Mein Putt war leider etwas zu kurz, also markierte ich und trat höflich zurück.

Erich suchte kurz herum und fragte „Hat wer meine Markierung gesehen?“ Oh Gott, was habe ich getan. Nachdem ich dem Umstand aufklärte beschloss ich nie wieder etwas vom Grün zu entfernen. Ein guter Einstieg, somit war ich sofort als unwissender Anfänger deklariert, also wozu noch groß anstrengen.

Doch aufgrund meiner gespielten Vier hatte ich die Ehre als erster den nächsten Abschlag auszuführen. Wir spielten von Blau, schön mit kleinen Firmenfähnchen markiert.

Nach dem peinlichen Vorfall am ersten Loch wollte ich mich nicht nochmals blamieren, also schritt ich zielstrebig zum Abschlag, teete auf, trat zwei Schritte zurück und blickte Richtung fairway. Da war aber kein fairway ausmachbar, zumindest konnte ich keines erkennen. Etwas mehr als hundert Meter entfernt stand ein Bauernhof, das kann doch nicht wahr sein, soll ich vielleicht darüber spielen?

Meine Mitspieler standen neben dem Abschlag und grinsten mich freundlich an. „Seht ihr wo die Fahne steht?“. Jetzt wurde aus dem verhaltenen Grinsen ein unverschämtes Lachen. Brigitte brach schließlich den Bann mit der knappen Feststellung „Hinter dir“.

Perfekt, ich habe schon viel gelesen und gehört von eingeschränkter Wahr-nehmung des maskulinen Homo Sapiens, aber dass ausgerechnet mir das passieren muss. Plötzlich hatte ich das Gefühl eine Aufschrift mitten am Hirn zu haben „Vorsicht - Rookie!“. Der Abschlag war verpatzt, genauso wie alle meine folgenden Schläge auf diesem Loch.

Doch, neues Loch neue Chance. Mein dritter Abschlag war strategisch gut positioniert. Zirka zehn Meter nach dem Damenabschlag befand sich ein kleiner Bach. Ich legte meinen Ball gezielt vor, selbstverständlich um nicht ins Wasser zu schießen. Der nächste Schlag sollte mich aber schon etwas weiter vor bringen. Deshalb ging ich ohne Groll zu diesem mistigen kleinen Ball und wollte ihn, natürlich völlig entspannt, mit aller Kraft über den Bach befördern. Es wäre doch gelacht, wenn dies nicht gelingen würde. Die Anderen zogen sich einstweilen ihre Regenbekleidung über, denn seit einer Viertelstunde nieselte es ziemlich heftig. Ich hatte also keine Eile, richtete mich aus, schwang mit aller Kraft durch und drehte mich elegant um meine eigene Achse. Leider hatte ich das Fünfereisen genommen und wie alle wissen ist dieses bei Regen besonders schwer. Deshalb konnte ich den Durchschwung nicht abbremsen und es warf mich voll in den schlammigen Bereich vor dem Bach. Keiner lachte. Dankbar stand ich auf und stellte fest das mein Äußeres mehr auf eine Wehrsportübung als auf ein Golfturnier schließen lassen würde.

Die restlichen fünfzehn Löcher versuchte ich nicht unnötig aufzufallen. Ich hielt mich und meine Emotionen zurück, selbst als mir nach einigen gelun-genen Putts seitens meiner Flightpartner vorgeschlagen wurde es zukünftig besser mit Minigolf zu versuchen.

Meine Kunden hatten an diesem Tag jedenfalls viel Spaß, umso mehr als das die beiden Männer zu guter Letzt auch noch Preise überreicht bekommen haben. Brigitte hat sich diese Chance vergeben, wahrscheinlich lag es an ihrem emotionalen Spiel. Man darf sich halt nicht ärgern, wenn mal was schief geht.

Ich hatte mein Ziel am diesem Tag auch erreicht, alle waren gut gelaunt, hatten was zum Lachen und ich habe mich äußerst dezent zurückgehalten. Natürlich völlig beabsichtigt.

Das sich mein Handicap nicht veränderte ist ebenfalls nicht von Belang.



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