Die Sonntagsrunde


Ein wunderschöner, milder Septembersonntag verleitete mich am späteren Vormittag am Golfplatz zu fahren. Drei Stunden Zeit bis zum Mittagessen. Zeit genug um eine Münze auf der drivingrange zu verschießen und danach eine lockere Neunlochrunde zu gehen. Mit entsprechender Vorfreude saß ich im Auto und sang voller Inbrunst „Oh, happy day“, Gott sei Dank hat mich niemand gehört.

Am Golfplatz angekommen stellte ich rasch fest dass mehrere Leute das schöne Wetter ausnutzen wollten. Der Parkplatz war zum Bersten voll. Doch ich hatte wie immer Glück und stand direkt vor dem Becken zum Schlägerwaschen. Oh, happy day!

Auf der drivingrange herrschte Hochbetrieb, doch es war zufälligerweise ein Abschlagplatz unmittelbar vor dem Ballautomaten frei. Wie speziell für mich reserviert. Oh, happy day.

Nach kurzem aufwärmen begann ich mit meinem Training. Sieh an, meine Bälle flogen hoch, weit und schnurgerade. Den Gipfel meines Glücksgefühl erlebte ich, als ich mit meinem Achtereisen den 125 Meter Fahnenstock traf. Was kann mich heute noch erschüttern. Oh, happy day.

Gut gelaunt ging ich zum Puttingübungsplatz um rasch ein paar Bälle zu versenken. Drei Bälle aufs Grün und los geht’s. Putt, Treffer, Putt, Treffer, Putt, Treffer. Wow, heute funktioniert ja wirklich alles. Heute wäre der rich-tige Tag um sich runter zu schreiben. Leider hatte ich mich nicht für das am großen Platz stattfindende Turnier angemeldet, aber was solls, ich bin ja zum Spaß und zwecks Entspannung hier. Oh, happy day.

Was kann heute noch schief gehen, nicht, aber auch wirklich gar nichts sollte meine gute Laune trüben. Also packte ich mich zusammen und begab mich zum Abschlag des Neunlochplatzes.

Schon bei meiner schwungvollen Annäherung sah ich dass ein älteres Ehepaar wartete. Freundlich begrüßte ich die beiden, in der Hoffnung sie würden mich zum Mitspielen einladen. Meine Begrüßung wurde freundlich erwidert, allerdings blieb die Einladung aus. Der männliche Teil des Ehepaares suchte umständlich in seinem Golfbag herum, bis er endlich ein in Staniolpapier gewickeltes Wurstbrot zu Tage förderte.

Das Grün war inzwischen frei geworden. „Schönes Spiel!“, ermunterte ich die beiden, die ganz mit dem Wurstbrot beschäftigt waren. Die Frau bemerkt dass sie schon spielen könnten, „Komm Papa! Spiel auch gleich mit mir von Rot“. Papa nickte und ging mit seinem Wurstbrot zum roten Damenabschlag. „Du musst dein Bag mitnehmen“, erinnerte ihn seine Gattin.
Der Papa starrte auf sein Wurstbrot und überlegte wohl wo er dieses vergessen haben könnte.

Ich beschloss noch eine zu rauchen und ging zu diesem Zweck zurück zu meinem Auto, um mir eine meiner leckeren Zigarillo zu holen. Als ich zu-rückkam stand Papa schon am Abschlag. Seine Frau teete ihm den Ball auf und nahm ihm das Wurstbrot aus der Hand. Papa blickte ihr wehmütig nach. Wahrscheinlich war er besorgt um sein Wurstbrot. Seine Frau drückte ihm einen Schläger in die Hand. Papa beugte sich vor und prüfte den Abschlag in dem er mehrmals in den Boden schlug. Irgendwann, ich hatte meine Zigarillo längst genossen, traf Papa den Ball.

Der Schlag brachte ihm etwa Sieben Meter näher zum Loch. Nachdem ihm seine Frau das Wurstbrot wieder gebracht hatte ging Papa zu seinem Bag, grinste mich freundlich an und machte sich auf den Weg.

Mir gefiel diese Situation aus mehreren Gründen. Zum einen ist es schön wie nett sich die Frau um ihren, sichtlich schon gebrechlichen Mann kümmerte. Zum anderen finde ich es gut, wenn sich ältere Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung in frischer Luft suchen. Aber warum um alles in der Welt muss ein Pensionisten-Ehepaar unbedingt am Wochenende golfen gehen? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund weshalb sie grundsätzlich freitags nachmittags einkaufen gehen.

Während ich meinen Gedanken nachhing, ob mich meine Frau auch mal so liebevoll behandeln würde oder ob sie mich in ein Heim abschieben würde, hatte das Ehepaar bereits das Grün erreicht. Einhundertundvierzig Meter in fünfundzwanzig Minuten. Papa hatte sein Wurstbrot inzwischen fertig gegessen und suchte nun rund um den Fahnenmast nach einem Mistkübel.

Ich konnte endlich abschlagen. Eisen Sieben, Schwung, Ball am Grün. Papa stand zwischen erstem Grün und zweiten Abschlag und fixierte meinen Ball, während seine Frau schon abschlug. Ich näherte mich dem Loch an und lochte mit dem dritten Schlag ein. Par!

Zweites Loch. Um Zeit zu überbrücken holte ich mein Regelbuch heraus und begann darin zu schmöckern. Angekommen auf Seite Vierundsechzig bemerkte ich das das ältere Ehepaar mit dem Loch fertig war. Nachdem ich dieses Loch wieder mit Par schaffen durfte und Papa in Ermangelung eines Wurstbrotes in ein tiefes Energieloch fiel beschloss ich für dieses Wochenende genug geübt zu haben. Außerdem wird sicherlich schon mein Mittagessen kalt.

Oh, happy day!



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